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Terry Pratchett: Einfach göttlich

Text: AC-Freizeit Redaktion

Wer als Geschichtenerzähler die reale Welt comichaft überzeichnet persiflieren, kritisieren oder sich genüßlich über festgefahrene Ansichten amüsieren will, tut dies am besten in einer Fantasiewelt. Bei Tolkien ist es Mittelerde, bei Moers Zamonien und bei Terry Pratchett die Scheibenwelt (der neueste Roman aus der Reihe, "Klonk", ist 2006 als Taschenbuch erschienen), in der sich amüsante und zugleich ungemein tiefsinnige Geschichten abspielen. In "Einfach göttlich" nimmt Pratchett die Religion ins Visier, wobei Religion wohl als Leerstelle für jede Form von Verführung und Bevormundung, sei es durch Kirche, Politik oder gar Werbung, zu verstehen ist.

Nur der ist stark, der auch über eine entsprechend große Anhängerschar gebietet und um seine Gläubigen bei der Stange zu halten, sollte man sich immer mal wieder mit Wundern in Erinnerung rufen. Keinesfalls aber sollte man das Zepter einem Stellvertreter in die Hand geben, während man sich selbst Vergnügungen jeglicher Art hingibt. Denn ehe man sich's versieht, steht man ohne Macht da. Das muss auch Om feststellen. Einst einer der mächtigsten Götter der Scheibenwelt fristet er nun sein Dasein als kleine Schildkröte.

Ein Zufall führt ihn zu dem einzigen Menschen, der wirklich noch an ihn glaubt - und der ist, zu allem Unglück, nicht mal sonderlich hell im Kopf. Brutha heiß er, ist Tempelgärtner, gehorsam und fromm, sehr belesen jedoch äußerst naiv und einfältig. Fast schon wie ein Autist hat er sich in seine Glaubenswelt eingekapselt und will nicht wahrhaben, wie die Kirche, allen voran die "Exquisition", den Glauben der Menschen missbraucht. Dennoch ist Brutha Oms einzige Chance, wieder zu Macht und Ansehen zu gelangen.

Unfreiwillig begibt sich das ungleiche Paar auf eine irrwitzige Reise durch die Scheibenwelt und lernt dabei Freigeister und Philosophen, Einsiedler, launenhafte Götter und ihre ebenso wankelmütigen Anhänger kennen.

Das zentrale Thema von Gott, Religion und den machtgierigen Stellvertetern, das bereits in Dostojewskis "Großinquisitor" (eine Episode aus "Die Brüder Karamasow") eindringlich thematisiert wird, erfährt in "Einfach göttlich" eine amüsante, im Kern jedoch ebenso ernste Variation. Im Gegensatz zu Dostojewski geht es Pratchett nicht allein um Kirchenkritik sondern um jede Form von Vereinnahmung einer, an sich vielleicht guten, Idee durch einzelne und ihre zwangsläufige Pervertierung bei dem Versuch, Machtansprüche zu zementieren.

Die fantastische Scheibenwelt eröffnet Pratchett den Raum, seine Geschichte ohne erhobenen Zeigefinger und zu keiner Zeit moralisierend erzählen zu können. Wer nur die kurzweilige Unterhaltung sucht, kann daher "Einfach göttlich" auch "nur" als einen witzigen und temporeichen Fantasyroman lesen. Der volle Lesegenuss erschließt sich jedoch dem Leser, der sich nicht scheut, hinter der bunten Fantasiewelt die Bezüge zur Realität zu erkennen, in der sich so mancher auch viel zu leicht vereinnahmen und manipulieren lässt.

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